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Der Laugavegur: Fernwandern im isländischen Hochland

Frau krambeutel unterwegs auf dem Laugavegur in Island. Fernwanderjahr 2017

Als wir letztes Jahr die Südküste Islands abgereist sind, blieben wir ein paar Tage in einem kleinen Nest am Fuß des Skogafoss, einem der riesigen Wasserfälle, die täglich unzählige Touristenbusse anziehen. Wir stiegen die 580 Treppenstufen rechts am Wasserfall hoch und gingen noch ein Stückchen weiter den Fluss entlang, und dann noch ein Stückchen und noch eins. Wir befanden uns mitten in Auenland, nach jeder Kurve wurde unsere Umgebung noch grüner, die Wasserfälle noch schöner, die Schlucht, die der Fluss gegraben hatte, noch verwunschener. Ich las später, dass dieses Stückchen Weg die ersten oder die letzten Kilometer eines insgesamt 88 km langen Fernwanderwegs (bzw. der beiden Wege Laugavegur und Fimmvörðuháls) sind und seit dem Tag war klar, dieser Weg wird  irgendwann einmal begangen. Zum Beispiel im Wanderjahr 2017.

5 Tage gehen.

Sonntag Mittag machten wir uns mit dem Bus auf den Weg von Reykjavik nach Landmannalaugar, um am Montag auf die erste Etappe des Laugavegur aufzubrechen. Diese führte uns durch bizarres Gestein aus Obsidianlava, bunte Rhyolith-Berge und dampfende Geothermalgebiete hinauf zu einem schwarzen Berg, der mit Schneefeldern bedeckt war. Es ist schwer beschreiblich, wie ein kleiner Mensch zwischen diesen riesigen Naturgestalten fühlt. Aber sicher ist, dass ich die Eindrücke dieser atemberaubenden (manchmal auch atemraubenden) Tour nie vergessen werde.
Der Rucksack war bei Abmarsch gut gefüllt. Schlafsack, Essen, Kocher, Kleidung für alle Wetterlagen. Wir hatten kurz vor Start zur Wanderung Zusagen für alle fünf Hütten auf dem Weg bekommen, weshalb wir Zelt & Isomatte in Reykjavik lassen konnten. 4 kg weniger auf dem Rücken, eine extreme Erleichterung, doch schwer ist das Gepäck trotzdem! Wir gingen den Laugavegur in vier Etappen, manche machen das in zwei oder drei Tagen, genauso wie man sich für den Fimmvörðuháls auch zwei Tage Zeit lassen kann, wenn man einen Platz auf einer der beiden Hütten auf dem Pass ergattert hat, denn Zelten ist dort oben nicht gern gesehen.
Vor dem Fenster der Hütte am Hrafntinnusker, dem schwarzen Berg, glänzte der blaue Himmel, als wir auf die zweite Etappe des Laugavegur aufbrachen. Kilometerweit ging es über Schneefelder, wie Ameisen sahen die kleinen Menschen auf den dunklen Trampelpfaden aus, die durch das grelle Weiß führten. 7 km Schnee, dann wird es grün. Das wußten wir. Manchmal muss man die Zähne zusammen beißen, Anstiege erzwingen, um oben für Minuten unbeweglich in die Landschaft zu starren. Was man da sehen kann, ist so unbeschreiblich und unbegreiflich. Das hat alles die Natur gemacht, kein Mensch wäre zu so etwas fähig, gottseidank.
Unser Ziel war ein See zwischen grünen Bergen, der Alftavatn , den wir von einer Bergkante zwischen grauen Sandbergen, dampfenden Schwefelfeldern und schneebedeckten Felsen schon viele Kilometer vorher sehen konnten. Unten angekommen tranken wir im Unterhemd Kaffee, so sehr strahlte die Sonne.
So schön das Wetter bei den ersten zwei Etappen des Laugavegur war, so scheußlich begann der dritte Tag. Grauer Himmel, tief hängende Wolken, Wind. Regen hatte sich angekündigt, und mit geduckten Köpfen und bis oben zugezogenen Reißverschlüssen stapften wir los. Von der Unterhemd-Atmosphäre des Vorabends war nichts mehr zu spüren. Der Regen kam bald, und mit ihm im Vergleich zu den Tagen zuvor triste Landschaft. Das Gebiet heißt nicht umsonst „schwarze Wüste“. Kilometerweise schwarzer Sand, durchsetzt von Lavabrocken, ab und zu ein brauner Gletscherfluss, den man durchwaten muss, kaum Fernsicht, und hinter der nächsten Hügelkuppe das gleiche. Andere Wanderer erzählten uns später, dass diese Etappe bei Sonne komplett anders wäre. Der schwarze Sand würde glänzen, die grünen Berge hell leuchten. Das haben wir nicht gesehen, und wir waren froh, am Nachmittag in der Hütte in Emstrur angekommen zu sein und uns mit heißer Brühe aufzuwärmen.
Laugavegur Tag 4 begann ähnlich grau wie Tag 3, aber auf dem Weg zeigte sich die Sonne. Unser Ziel war das Thörsmörk , die grüne Oase Südislands. Aus der schwarzen Wüste am Rand des Gletschers stiegen wir in eine Landschaft ab, wo es bunte Blüten, farbiges Gras, kleine Bäume und höhere Pflanzen als Moose und Flechten gab. Die Luft war wärmer als da, wo wir herkamen, und oft blieben wir stehen, weil die Ausblicke atemberaubend waren. Die Hütte Langidalur liegt mitten im Netz des weit verzweigten Flusses Krossá.
Leider waren die Wetteraussichten für den nächsten Tag alles andere als gut, was den Aufstieg auf den Fimmvörðuháls ungewiss machte. Unbedingt wollten wir die Wanderung am Meer auf 0 Höhenmetern enden lassen, aber wenn Wind und Regen die technisch schwierigste und längste Etappe des Weges zu einer lebensgefährlich Unternehmung werden lassen, sollten wir vielleicht besser darauf verzichten?
Wie befürchtet blies am Morgen in Langidalur so garstiger Wind, dass sogar da unten im Tal das Fortkommen zu einem anstrengenden Unterfangen wurde. Unvorstellbar, gegen diesen Wind auf 1100 m – die Bedingungen entsprechen in etwa 3000 m in den Alpen – anzugehen. Also entschieden wir uns traurig für die Vernunft und den Bus nach Skogar, wo wir eigentlich am Abend zu Fuß ankommen wollten. Dort regnete es auch, dafür gab es ein Bier und gekochtes Essen, nach Tagen mit gefriergetrocknetem Trekkingfutter wenigstens ein kleiner Lichtblick.
Frau krambeutel unterwegs auf dem Laugavegur in Island. Fernwanderjahr 2017
Auf dem Weg nach Skogar mussten wir am Seljalandsfoss umsteigen. Und zack schien die Sonne.
Aber ich , die ich kein Puzzle unfertig, keinen Teller halb leer gegessen, keine Wanderung nicht abgeschlossen beiseite legen kann, machte mich am nächsten Tag an den Aufstieg. Wenigstens der Pass sollte bezwungen werden, wenn auch von der „falschen“ Seite. Die ersten Kilometer kannte ich ja schon von unserer Erkundungswanderung im letzten Jahr, und als ich in unbekanntes Terrain kam, wurde leider der Nebel immer dichter, der Sprühregen hörte nicht auf, und die vereinzelten anderen Wanderer huschten geduckt von Markierungspfahl zu Markierungspfahl. Ich hätte mir gewünscht, dort oben zwischen den beiden Gletschern zu stehen und das Meer zu sehen – bei diesen Bedingungen unmöglich. Ein deutsches Pärchen kam mir entgegen, erzählte von der schlechten Sicht und dem eisigen Wind auf den weiteren Kilometern, und ich entschied mich, umzukehren, und mit ihnen zusammen nach Skogar zurück zu gehen – eine sehr gute Entscheidung, denn die beiden schauten hinter jeden Stein, konnten über jeden der 20394702374 Wasserfälle staunen, erzählten von ihren Islandabenteuern und machten die Wanderung zurück zum Skogafoss zu einem lustigen Erlebnis. Auch sie sind Wiederholungstäter und bereits zum dritten Mal hier, weil jedes andere Ziel bei genauerem Betrachten poplig erscheint.
Ich bin versöhnt mit meinem Laugavegur , auch wenn mir immer noch ca 15 km fehlen. Aber man braucht ja schließlich auch einen Grund, um wiederzukommen – und wenn es nur ein Weg von 15 Kilometern ist!

ORGANISATORISCHES & AUSRÜSTUNG

Übernachten

An den Enden der Laugavegur-Tagesetappen gibt es Hütten, die meist vom Ferðafélag Íslands betrieben werden. Alle Hütten sind Selbstversorger-Hütten, das heißt es gibt dort kein Essen und Trinken zu kaufen. Geschlafen wird im eigenen Schlafsack. Alle Hütten sind mit Gas und Wasser ausgestattet, duschen kann man gegen ein Entgelt (außer in Hrafntinnusker) überall. Neben den Hütten sind Campingplätze, die Toiletten- und Duschanlagen teilt man sich mit den Campern (ca. 2000 ISK/Person), die Hüttenküchen sind den Hüttenübernachtern (ca. 8000 ISK/Person) vorbehalten. Wir hatten das Glück, aber uns auch schon im Januar auf die Wartelisten setzen lassen, Platz in allen Hütten bekommen zu haben, was natürlich gerade bei Ekelwetter toll ist. Dort ist es warm und trocken. Womit wir aber nicht gerechnet haben, sind die vielen geführten Touren, die dort oben in Saus und Braus leben. Sie marschieren mit kleinem Gepäck durch die Tagesetappen, wissen oft nicht, wo sie gerade sind und wo sie hingehen (so unser Eindruck) und finden dann am Zielort ihre riesigen Reisetaschen mit ihren sauberen, gut riechenden Klamotten vor. Mittransportiert werden auch stapelweise Kisten mit Essen. Da gab es Mangos, Orangen und tütenweise Milch, abends wurde Fisch und Fleisch gegrillt und nicht an der Butter auf dem Brot gespart. Bei uns, die wir uns von gut eingeteiltem Gefriergetrocknetem ernährten, schürte das mehr als einmal Futterneid. Vor allem in Emstrur, wo die Hütte klein und eng war und wir die einzigen zwei Gruppenlosen in einer Horde gut Versorgter, litten wir sehr. Die Ignoranz mancher Menschen ließ und Kopfschütteln. Culture Clash in der Einsamkeit.

Ausrüstung

Wer Selbstträger ist, spart an Gewicht.

Basics sind:
> Schlafsack (wer campt braucht natürlich auch noch Zelt und Isomatte)
> Wanderschuhe. Sandalen, die fest an den Füßen sitzen (keine Flipflops) für die Flußdurchquerungen und die Duschen
> Regenjacke und -hose, Gamaschen hatten wir dabei für die Schneefelder, aber nicht gebraucht.
> ich kam mit 2 Merino-Unterhemden, 2 Kurzarm-Merinoshirts, 1 Langarm-Merinoshirt, 1 leichten Wollpulli, Thermoball Weste und warmer leichter Jacke (die beste, wärmste, tollste Jacke von Ortovox) gut aus. Für untenrum hatte ich 1 lange Thermo-Lauftight zum Schlafen und als 2. Lage beim gehen und 1 dünne Wanderhose dabei. Dazu 2 paar Wandersocken. An sich braucht man 2 Garnituren: Eine zum Laufen, eine zum Wechseln. Ich hatte alles, was ich dabei hatte, mindestens einmal an, denn auch in den Hütten war es nicht immer warm genug für “normale” Indoor-Kleidung. Hätten wir im Zelt geschlafen, hätte ich sicher öfter noch mehr Schichten übereinander getragen.

> Zahnbürste, Zahnpasta, Seife

> Unterwegs gibt es keine einzige Steckdose. Bei manchen Hüttenwirten kann man ein Gerät aufladen lassen, verlassen würde ich mich darauf aber nicht. Ich bin mit Flugmodus & einer voll geladenen Powerbank gut ausgekommen.

> Ein GPS-Gerät inklusive GPS-Track der Route sollte man dabei haben und es bedienen können. Wir haben es Gott sei Dank nicht gebraucht, aber sollte es sehr neblig und/oder regnerisch sein, kann ich mir vorstellen, dass man sich sehr über ein Wegfinde-Hilfsmittel freut. Es wird auch überall vor allem vor dem dichten Nebel, der am Hrafntinnusker herrschen kann, gewarnt. Wir hatten Glück.

Wir haben natürlich mehr Gepäck, als wir auf dem Laugavegur dabei hatten. Mit ein bisschen Überzeugungskunst konnten wir dieses samt Zelt am Bus Terminal in Reykjavik deponieren und es uns mit einem Bus an dem Tag nach Skogar schicken lassen, als wir auch dort ankamen. Grundsätzlich ist es möglich, Gepäck per Bus zu senden – auch Essenspakete nach Landmannalaugar und Thörsmörk, aber offenbar ist es nicht mehr ganz so einfach wie noch vor ein paar Jahren.

Essen

Wir hatten Essensrationen für jeden Tag plus eine Ersatzration dabei:
> Zum Frühstück gabs bei uns Porridge, aufgegossen mit heißem Wasser,  dazu Trockenobst.
> Für zwischendurch unterwegs hatten wir Müsliriegel und kleine Snacks dabei.
> Abends aßen wir je 1 gefriergetrocknete Mahlzeit, für 2 Abende hatten wir gefriergetrockneten Nachtisch dabei.
> Wir haben einen Kocher mitgetragen und auch immer wieder unterwegs löslichen Kaffee aufgegossen. Das ist sicher nicht essentiell, macht das Leben aber schöner.
Da man im Flugzeug keine Gaskartuschen mitnehmen darf, hatten wir erst ein wenig Not, vor der Abreise nach Landmannalaugar passende Schraubkartuschen zu finden. Hätten wir gewußt, dass sowohl das Hostel in Reykjavik als auch die Hütte in Landmannalaugar Kisten voller zurückgelassener Gaskartuschen haben, hätten wir uns keinen Stress gemacht.
> Wenns ganz schlimm wurde, half eine Notration Schokolade und Schnaps aus dem Flachmann.

 

Alle, die planen, den Laugavegur zu gehen, dürfen gerne (als Kommentar) Fragen stellen, wer ihn schon gegangen ist, weiter Punkte ergänzen.

Alle Fotos sind – bis auf die, auf denen ich zu sehen bin – von mir. Danke an Mona für die beste Wander- und Islandbegleitung, die ich mir vorstellen kann <3 !

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