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Ein Roadtrip durch Islands Westfjorde – Hotpots und Holperstrassen

Roadtrip durch Islands Westfjorde. krambeutel unterwegs in Island.

Für alle, die es mögen, wenn ihnen der Wind um die Ohren pfeift, die bei langsamen Autofahrten über Schlaglochpisten nicht wahnsinnig werden und die bei einer plötzlichen Nebelwand vor der Nase keine Platzangst bekommen, dürfen über einen Besuch auf den Westfjorden nachdenken. Während die Südküste Islands von Touristenbussen hoch frequentiert ist und in der Gegend um Reykjavik sich die Menschen-Ameisenstraßen über die Wanderpfade ziehen, bekommt man auf den Westfjorden auch in der Hauptsaison noch problemlos eine Unterkunft.
Die Halbinsel der Westfjorde – im Westen Islands, klar! – sieht aus wie eine Hand, und die abgelegeneren Orte der Fjorde liegen eine gute Tagesreise von Reykjavik entfernt, vor allem wenn man wie wir mit einem kleinen Allrad-Auto unterwegs ist und nicht mit einem flotten Jeep, mit dem man deutlich schneller über die holprigen Straßen düsen könnte.

Nach dem Auto-abholen am Flughafen machten wir uns ohne Umschweife über die Küstenstädtchen Akranes, wo wir mitten ins Oldtimertreffen rasselten (und mit dem ältesten gemauerten Leuchtturm Islands von 1918 einen Strich auf der Leuchtturm-Liste machen konnten) und Borganes (Der Bjössaróló-Spielplatz ist komplett aus Schrottmaterial erbaut, man kann dort sehr gut schaukeln und auf lustigen Dingen herumklettern!) auf den Weg nach Hólmavík. Weil wir nicht nur Leuchttürme, sondern auch Wasserfälle und heiße Quellen sammeln, ist uns kein Umweg zu viel. So parkten wir beim Hotel Edda Laugar in Saelingsdalur, stapften durch die Wiesen immer am Hang entlang zum Ránagil-Wasserfall, wo man zwischen Steinen umherhüpfen und farbenfrohe Felsen begutachten kann. Anschließend durfte natürlich ein Bad im Hot Pot hinter dem Hotel nicht fehlen.

Holmavik an sich ist ein kleines Nest. Es rühmt sich für sein Hexenmuseum (wir waren aber nicht drin), hat einen netten kleinen Hafen, eine Dorfkneipe, die außen mit Wimpelketten dekoriert ist, ein Hostel (in dem wir übernachtet haben, und wo in jedem Stockbett ein Flachbildschirm hängt. Außerdem kann man sein Bett mit einem Vorhang zur Koje abschließen – sehr gemütlich), und viele Sträßchen, die man entlangschlendern kann.  Zum Übernachten ists da nett!

Wir wollten uns auch gar nicht aufhalten, sondern lieber weiter.
Aus Hot Pot-Sammelgründen fuhren wir über Drangsnes nach Norden, denn wir wußten, dass es dort direkt an der Küste drei Hotpots gäbe, in denen man im warmen Wasser sitzend aufs Meer schauen könne. Als wir ankamen waren die Dinger leer – wir hatten blöderweise genau den Reinigungstag der Woche erwischt. Kein Wasser, und damit auch kein Baden. Schade! Tagesziel war der wahrscheinlich abgefahrenste und auch abgelegenste Ort, den wir in den Westfjorden besuchten: Djúpavik. Das Örtchen besteht aus einer verlassenen Heringsfabrik und ein paar Häusern drumrum. Ende der 1910er Jahre gabs noch ordentlich Fisch in der Buch von Djúpavik, was einen schlauen Norweger die erste Fisch-Salzerei dort einrichten ließ. Die Fabrik, wie sie heute noch in Djúpavik steht, wurde in den 30ern errichtet, und aus dem ganzen Land reisten Männer und Frauen zur Fabrik, um dort Geld zu verdienen. 18 Jahre später war die Bucht leergefischt und die Fabrik wurde aufgelassen. Mitte der 1980er kaufte eine isländische Familie das Gelände und machte aus dem Haus, in dem zu Fabrikzeiten die Frauenquartiere waren, ein Hotel und aus der Fabrik unter anderem eine Kunstgalerie. Sigur Rós spielten dort 2006 ein Konzert, und regelmäßig kommen Künstler vorbei, um vor Ort kreativ zu sein. Im Hotel finden sich Angestellte aus der ganzen Welt – wir hatten einen vergnüglichen Nachmittag mit Elsa aus Lettland, die uns unter anderem auch durch die Fabrik führte. Wer keine Scheu vor der erbärmlichen Schotterstraße hat, die der einzige Straßenweg nach Djúpavik ist, sollte die Reise dorthin auf sich nehmen. Und am besten mehr als eine Nacht bleiben, denn wenn man irgendwo durch die Gegend streifen, einen großen Wasserfall anstarren und lieben Menschen begegnen kann, dann dort.

Da wir als anerkannte Hotpot-Jäger und Schotterstraßenbezwinger alles auf uns nehmen, um in noch mehr warmen Tümpeln zu sitzen, machten wir uns von Djúpavik auf in noch abgelegenere Gefilde. Weiter draußen auf dem Westfjord-Finger, einige glitschige Kurven später, erreichten wir in strömendem Regen eines der tollsten Freibäder, das wir in Island erlebt haben: den Krossnesslaug. Ein blaues Schwimmbecken schmiegt sich an den Hang, und hängt man sich an seinem Rand ein (oder in eine der dort herumdümpelnden Schwimmnudeln) kann man aufs schäumende Meer starren. Das ist grandios und jeden Meter Quälerei im Auto wert! Zurück im Hotel stellte ich fest, dass meine Speicherkarte seinen Geist aufgegeben hat und sowohl die Bilder aus der tollen Fabrik als auch die vom Hot Pot gestorben sind – eine traurige Erkenntnis, die aber mit Karottenkuchen gut in Griff zu bekommen ist – denn diesen backen die Leute vom Hotel Djúpavik hervorragend (den Schokokuchen aber auch)!

Da wir aber ja weiter wollten, rumpelten wir am nächsten Morgen nach einer wunderbaren Nacht in unserem Puppenstuben-Zimmerchen die ganze Schotterorgie zurück und düsten einen dicken Finger weiter in die “Hauptstadt” der Westfjorde Ísafjörður. Auf dem Weg wollten wir eigentlich nur am Hotel Reykjanes tanken, als sich vor uns ein dampfendes Becken auftat. Mitten im Nirgendwo: schon wieder ein Thermalpool, mit Meerblick, selbstverständlich. Wir also wieder rein in die Bikinis und ab ins warme Wasser. So können gute 300 km schon mal zu einer tagesfüllenden Aufgabe werden. Dazu kommt noch, dass man – aber das ist ein Islandtypisches Allgemeinphänomen – hinter jeder Kurve wieder anhalten muss, um noch ein Foto von diesem noch schöneren Fjord, noch spitzeren Berg, noch grüneren Hang zu machen.

In Ísafjörður stiegen wir im Litla Gistihusid ab, nichts besonderes, aber echt okay, um dort zu übernachten und sich was zum Essen zu kochen. Und außerdem total zentral gelegen. Die Stadt hat eine feine Bäckerei (die Kuchenlust schlägt immer wieder zu), eine Kneipe, in der man gut Bier trinken kann, einen Hafen zum Schiffe anschauen und sogar eine Art Fußgängerzone mit Buchladen. Und jede Menge Häuschen, in deren Gärten ausrangierte Fischkutter rumstehen. Gleich hinter Ísafjörður liegt Bolungarvik, da gibts einen Wes Anderson-verdächtigen orangenen Leuchtturm, ein Freilichtmuseum, das uns zu teuer war, nur um dort ein paar alte Häuschen zu sehen, und einen kleinen botanischen Garten, wo man Bergkräuter probieren kann. Und ja, das darf nicht unerwähnt bleiben: Neben der Schule steht der beste Spielplatz weit und breit. Austoben nicht nur für kleine Kinder.

Weit sind wir bei der Weiterfahrt durch die Westfjorde nicht gekommen, denn als wir “nur mal schnell” eine kleine Rundfahrt durch Thingeyri machten – knappe 50 km auf guter Straße von Ísafjörður entfernt, fiel uns beiden ein grünes Haus ins Auge, hinter dem ein ausrangierter Linienbus als Café-Terasse stand. Weil Espresso eh immer geht, und kleine Cafés im isländischen Nirgendwo uns noch nie enttäuscht haben, waren wir sofort zu einer Vormittagspause bereit. Das Simbahöllin-Café verdient seinen Platz in der Liste der besten Cafés des Landes! Leider waren wir noch gar nicht hungrig, die Waffeln rochen nur zu gut!

Die Wasserfall-Liste wurde auf dieser Reise noch nicht so besonders tüchtig bestückt, das sollte sich jetzt ändern. Die “Klassiker” Dettifoss, Skogafoss, Godafoss hatten wir letztes Jahr schon alle angesteuert, der Dynjandifoss fehlte uns aber noch. Was für ein guter Zufall, dass er genau auf unserer Route nach Breidavik lag!

Über mehrere Stufen saust das Wasser von der Felskante hinab, und verteilt sich unten auf einzelne kleinere Wasserfälle, an denen entlang man zum großen Dynjandi hinaufsteigt. Herrlich feucht war es dort mal wieder, und wieder der frohe Gedanke, dass dieser Strom erstmal versiegen muss, bevor Island verdurstet. So schnell wird das nicht passieren.

Der Weg bescherte uns weitere Stops, und zwar nicht nur zum fotografieren: Eine ausgiebige Badesession im Becken und warmen Bach des Reykjafjardarlaug, Schokokuchen mit Aussicht im Stúkuhúsid in Patreksfjördur, und eine kleine Schwitzsession im verdammt heißen Wasser des Pollurin-Laug bei Talknafjördur. Am letzten Fjord vor Breidavik stießen wir noch auf einen rostigen gestrandeten Kutter, der da einfach so im Sand vergraben liegt. 1981 ist er in der Bucht liegen geblieben, seitdem schaut er mit dem Heck (oder wie heißt das bei Schiffen?) aufs Meer und hungrige Reisende machen neben ihm Picknick. Nach Breidavik gehts bald nach dem Schiff wieder auf einer Rumpelstraße an der Küste weiter, und als hätten würden wir willkommen geheißen, wurde aus einem grauen, feuchten und nebligen Tag das, was strahlenden Abendsonnenschein erhoffen lässt.

In Breidavik, das eigentlich nur aus einem Hotel, einem Campingplatz und einem Bauernhof besteht, hatten wir ein günstiges Stockbett gebucht, aus dem wir fast Strandblick hatten. Dieser wurde am Abend ausführlich abgewandert, und wir beiden Autofahr-geplagten konnten ein wenig durch den Sand tanzen – nicht ohne nasse Füße. Unsere letzen zwei Nächte auf den Westfjorden verbrachten wir an diesem Ende der Welt (aber nicht mehr Ende der Welt als Djúpavik es ist).

Breidavik besucht man hauptsächlich wegen zweier Ziele: Raudisandur, ca. eine Stunde Rumpelstraße vom Hotel entfernt, ist ein von feingemahlenen Muscheln rötlich gefärbter Sandstrand, der, wäre es 20 Grad wärmer, die Karibik Islands wäre. Wir kochten Kaffee im Sand und malten Botschaften für Außerirdische. Dann aßen wir Pfannkuchen im Strandcafé, Touristen, wie wir sind.
Das zweite Ziel sind die Klippen von Latrabjarg, das größte Vogelbrutgebiet Islands und der westlichste Punkt Europas. Dort ging ein pfiffiger Wind, aber die Papageientaucher und Trottellummen ließen sich dadurch nicht von ihrem munteren Geflattere abbringen. Ich mich aber schon von einer richtig ausführlichen Erkundungstour entlang der Klippen, da ging es doch sehr steil nach unten, direkt ins Meer. Mit einem Bier am Leuchtturm verabschiedeten wir uns von den Westfjorden, denn der nächste Tag (und die Fähre nach Stykkisholmur) brachte uns wieder zurück auf die große Insel und das Auto zur Vermietung.

In Reykjavik war es warm und trubelig. Aber das sollte sich schnell ändern, denn der Laugavegur wartete auf uns.

(Die Fotos, auf denen ich drauf bin, hat die beste Reisebegleitung Mona gemacht, alle anderen ich.)

 

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