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Eine Stadt zieht um: Kiruna

krambeutel unterwegs in Kiruna, Lappland, Schweden. Über den Umzug der Stadt Kiruna und meinen Besuch dort. krambeutel Deine Wunschtasche Stefanie Ramb München

Gestern stolperte ich bei spiegel.de über einen Artikel von letzter Woche: “Der Mega-Umzug“.  Thema ist die Umsiedlung von Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens. Dort begann im Sommer mein Road- oder besser Schienen-Trip längs durch Schweden. Ich kam aus Stockholm mit dem Flugzeug, vor dem kleinen roten Flughafengebäude wartete genau ein Shuttle-Bus, der mich und meine Mitreisenden ins Zentrum von Kiruna brachte. Ich überlegt im Bus noch, ob ich am Busbahnhof oder am Folkets Hus – eine Art Gemeindezentrum – aussteigen soll, um dann später zu erkennen, das die beiden Gebäude ungefähr zwei Gehminuten auseinander liegen. Es regnete, war grau, man sah keine fünf Meter weit. Das Hostel, ein trauriger Backsteinbau, war so gut wie leer, ich hatte das Vierbettzimmer ganz für mich allein. Am Abend machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Fußgängerzone, ein Einkaufszentrum mit unattraktiven (und geschlossenen) Geschäften, ein Pub, ein Pizzaservice. Aber kaum jemand auf der Straße, wieso auch, bei dem Wetter. Und dem Freizeitangebot. Ich suchte nach geschichtlichen Spuren in Kiruna, das vor ungefähr 120 Jahren als Wohnsiedlung für die Bergarbeiter gebaut wurde, die im Erzberg nebenan Eisenerz für Nordeuropa abbauten. Die historische Holzkirche stand im Nebel, ein paar der “Bläckhorn” – “Tintenfass”-Häuser fand ich in einer Wohnsiedlung. Sonst präsentierte sich Kiruna grau und bröslig. Die Fassaden bröckeln, die Straßen sind notdürftig geflickt, manche führen auch ins nichts. Denn das Kiruna, wie es da heute steht, wird es nicht mehr lange geben. Die Stadt muss umgesiedelt werden, vier Kilometer nach Osten, weg von der Mine. Denn der Eisenerzstock steckt schräg in der Erde, und je weiter das Abbauniveau sinkt, desto gefährdeter ist die Stadt, in den dort unten entstandenen Hohlraum abzusinken. Dass das passieren wird, weiß man. Für ungefähr zwanzig weitere Abbaujahre gibt es noch Eisenerz, ein Umzug lohnt sich also. Finanziert wird dieser zum großen Teil von der LKAB, der Gesellschaft, der die Mine gehört. Eine Dame, die im Folkets Hus neben dem Stadtmodell stand, erklärte, welche Bereiche Kirunas umgesiedelt werden müssen. Sie erzählte mir, dass der Umzug den LKAB-Gewinn eines Jahres kosten würde – damit hat man in etwa eine Vorstellung, welche unglaublichen Summen dieses Unternehmen mit dem Eisenerzabbau verdienen muss.

Wer heute in Kiruna wohnt, arbeitet in der Mine oder in einem der Geschäfte oder Restaurants der Stadt. Junge Menschen fangen gleich nach der Schule in der Mine an und verdienen dort so gutes Geld, dass Wegziehen aus der Gegend nicht  in Frage kommt. Das trifft vor allem auf die Männer zu. Frauen gibt es weniger in Kiruna, die ziehen oft für Studium und Ausbildung weiter nach Süden, nach Östersund oder gleich nach Stockholm oder Göteborg. Ein paar junge Menschen habe ich gefunden, die Lust hatten, mir über das Leben in Kiruna zu erzählen. Was mich vor allem interessierte, war, welche Meinung sie zum geplanten Umzug haben. Allesamt waren sie sehr zwiegespalten. Sie sind sich dessen bewußt, dass es Kiruna ohne die Mine nicht geben würde, finden aber auch die Macht der Gesellschaft beängstigend. Wo genau das neue Stadtzentrum gebaut werden soll, war niemandem so ganz klar, denn noch ist dort kein einziger Bagger  zu sehen, wo man vermutet, dass das neue Rathaus hinsoll. Eine Dame, die mit ihrer Familie vor nichtmal zehn Jahren ein Einfamilienhaus in Kiruna baute, überlegt, die Gegend ganz zu verlassen und wo anders neu anzufangen. Denn ihr Zuhause befindet sich am Randbereich des Gebietes, das nicht von der Umsiedlung betroffen ist, jetzt ist das gute Lage, fußläufig zur Innenstadt, nach dem Umzug wird die Familie In der Peripherie wohnen, in Nachbarschaft mit leeren Straßen, deren Häuserzüge abgerissen wurden. Man will vermeiden, dass Kiruna zu einer Geisterstadt wird. Schon jetzt gibt es Ambitionen, die Gebiete, die einsturzgefährdet und nicht mehr bewohnbar sind, aufzuforsten. Man will nicht, dass Kiruna aussieht wie ein ausgeweidetes Schlachtfeld. Schön soll es schon sein, und da Glockenturm, Kirche und die Tintenfass-Häuser mit umziehen sollen, wird es auch noch ein paar Gebäude geben, die in der neuen Stadt an das alte Kiruna erinnern.

Wer heute als Tourist nach Kiruna kommt, macht vielleicht eine Führung in der Mine und lässt sich erzählen, wie supertoll LKAB das Stadtleben am Laufen hält, besteigt vielleicht den Luossavaara für einen Blick auf Kiruna und den Erzberg, fährt vielleicht nach Jukkasjärvi und wirft einen Blick in das Eislager des nächsten Eishotels. Und dann fährt er weiter, so wie ich es auch getan habe, entweder nach Westen Richtung Berge oder nach Süden, zur nächsten Bergbaustadt, Gällivare, die ihre Umsiedlung schon seit einigen Jahrzehnten hinter sich hat.

ich werde in ein paar Jahren Kiruna noch einmal einen Besuch abstatten, vielleicht so 2021, denn dann wird es das Zentrum des jetzigen Kiruna wahrscheinlich schon nicht mehr geben. Ich wünsche der Stadt, dass sie Möglichkeiten findet, Leben in ihre Straßen zu bringen, dass der Alltag der Kiruna-Bewohner nicht nur darin besteht, die Schichten in der Grube abzuleisten und Abends vielleicht mal ein Bier im Pub zu trinken.

Wer sich literarisch mit Kiruna beschäftigen will, sollte die Krimis von Åsa Larsson lesen. Die Autorin ist in Kiruna aufgewachsen und lässt ihre Kommissarin Rebecka Martinsson dort ermitteln – nicht ohne dem Leser eine ordentliche Portion Stadtgeschichte mitzugeben.

> Kiruna Busbahnhof. Bei meiner Abfahrt verzogen sich die Wolken.
> Alle Gebäude im rot markierten Bereich sind gefährdet und müssen umziehen
> Die Fassaden bröckeln in Kiruna

> Eine Straße, die einfach irgendwo endet. Der Klotz im  Hintergrund ist das Verwaltungsgebäude der LKAB
> Kiruna Bahnhof, ohne Gleise
> Blick vom Luossavaara auf den Erzabbauberg Kiirunavaara und die Stadt.


> Auf dem Luossavaara, wo zur Gründungszeit von Kiruna der Eisenerzabbau stattfand. Jetzt gibt es auf dem kleinen Berg einen Skilift und einen Wanderpfad.
> Bei Familie Wennberg gibt es seit 1907 erst Lebensmittel, jetzt samische Volkskunst
> Eine andere Straße, die einfach irgendwo aufhört.