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Stöber den Schnee

Jedes Jahr beim ersten wirklichen Schnee, wenn die Flocken in den Lichtkegeln der Straßenlaternen einen Tanz aufführen, wenn das Gehen sich wie mit Muskelkater in den Beinen anfühlt, wenn Handschuhe vergessen haben an Folter grenzt, immer dann fühle ich mich an einen bestimmten Tag erinnert. Wenn ich am Hauptbahnhof stehe, auf den Schienenersatzverkehr wartend, wobei der Schienenersatzverkehr lange auf sich warten lässt – weil Schienenersatzverkehr selten großer Bus, meistens kleine Taxiflotte heißt – weil zwischen Hauptbahnhof und Romanplatz ein unachtsamer Autofahrer in die Tram gerutscht ist, oder ein Bus quer über den Gleisen steht, wenn dann langsam die nasse Kälte die Jeansbeine hochkriecht, unter denen doch wieder keine lange Unterhose zu finden ist – weil eigentlich wäre der Heimweg ja ein Klacks gewesen – dann fühle ich mich an einen bestimmten Tag erinnert.

Dieser Tag war im November 2006, Anfang November. Ein bestimmter Bus fuhr vom Wohnheim in Stockholm, fast vor der Haustüre war die Haltestelle – nur an den Recycling-Containern vorbei musste man laufen – Richtung Odenplan. Der Weg zur U-Bahn war bei Schnee zu weit und zu mühsam: durch die Unterführung, über das Feld, über den Campus, hinein in den Tunnel, in dem die U-Bahn fuhr. Eine zu lange Strecke, um einigermaßen trocken am Ziel anzukommen, wenn nicht Yeti-werden Ziel der Unternehmung ist. Also fuhr ich mit dem Bus, von fast vor der Haustüre, Richtung Odenplan, wo ein Umsteigen in die U-Bahn gut möglich war. Oder vielleicht war der Odenplan das Ziel. Damals war er es, an dem Abend im November 2006. Ich wollte zu irgend einem Theater in der Vasastan, wahrscheinlich eine Aufführung mit Tanz in einem Hinterhaus in einem Hinterhof, mit knarzenden Dielen, die vom Heißlüfter angepustet trotz nasser Publikumsstiefel immer wieder schnell trockneten. Wo beim Eintreten durch die Eisentüre die trockene warme Luft die Brillengläser weiß werden ließ. Ich weiß nicht mehr, was es genau war, wie es genau war, mit dem ich da war und ob es gut war, ich weiß nur noch von dieser Busfahrt dorthin.

Der Busfahrer, mit dem Schnauzer über der Lippe, der schon an die Haltestelle vor dem Wohnheim heranrauschte, als wäre der schönste Sommertag. Der dann um die Kurven brauste, den Hang herunter, über die Brücken, als wäre der Bus ein fliegender Teppich. Und der dann, in den engeren Straßen der Vasastan, einfach an den Kurven einmal heftig auf die Bremsen trat und so elegant um die parkenden Autos herumschlitterte, als ginge es um eine Platzierung im Tanzwettbewerb. Dann brauste er wieder los – nächste Ecke – Bremsen – Zwoosch-Schlittern – losbrausen. So gelangten wir, angeklammert an Haltestangen und in Sitzpolstern, ans Ziel. Aufatmend und gleichzeitig die Kunstfertigkeit des Fahrers zutiefst bewundernd.

An genau diese Busfahrt muss ich jedes Jahr denken, auf den Schienenersatzverkehr wartend, der aber nicht kommt. Und käme er, würde er mit Sicherheit um keine Straßenecke tanzen.

 

(das auf dem Bild sind übrigens die Kuppeln des Naturhistorischen Museums in Stockholm, wie ich sie aus meinem Wohnheimzimmer sah.)